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Lass uns ein kleines Experiment machen:
Setze dich bequem hin und schliesse deine Augen. Stelle dir nun vor, du hast eine Zitrone in der Hand. Stelle dir genau vor, wie sie aussieht. Sie ist leuchtend gelb, fast schon golden, mit einer leicht unregelmäßigen, porigen Schale. Wenn du sie in deiner Hand drehst, spürst du die feinen Unebenheiten unter deinen Fingern. Sie ist prall, aber gibt bei leichtem Druck ein wenig nach – du merkst, wie saftig sie ist. Vielleicht steigt dir sogar schon ein Hauch frischer, spritziger Zitrusduft in die Nase – dieser typische, belebende Zitronengeruch, der sofort deine Sinne weckt. Stelle dir jedes Detail vor und lass dir ruhig Zeit dafür. Und nun führst du diese Zitrone in Gedanken zu deinem Mund und beisst so richtig kräftig rein. Stell dir vor, wie die Säure der Zitrone zwischen deinen Zähnen hindurch in deinen Gaumenraum spritzt und auf die Geschmacksnerven trifft. Stell dir genau vor, wie sich das anfühlt. Der Geschmack ist intensiv, spritzig, fast scharf, aber gleichzeitig belebend – wie ein kleiner elektrischer Impuls, der dich innerlich aufweckt. Säure kribbelt, es zieht vielleicht ganz leicht im Kiefer. Dein Speichel beginnt sofort zu fließen, dein ganzer Mundraum reagiert. Spürst du, was allein durch deine Vorstellungskraft passiert ist? Rein durch deine Vorstellungskraft reagiert dein Körper mit spürbaren "Symptomen". Er reagiert auf deine Gedanken. Deine Gedanken lösen somit eine Reaktion im Körper aus. Und in der Reha soll das anders sein? Dein Körper liegt auf der Couch, das Knie dick bandagiert, Eispack drauf, Netflix läuft. Alles läuft nach Plan – denkt er – es wird für mich geschaut. Dein Geist hingegen? Der rotiert wie ein Hamster im Laufrad: "Was, wenn ich nie wieder joggen kann?" "Bin ich jetzt offiziell ein Couch Potato?" "Warum hab ich nicht einfach aufgewärmt wie alle anderen Menschen auch?" Und genau da liegt das Problem: Dein Körper macht Reha. Dein Kopf macht Drama. Obwohl wir es alle irgendwie wissen, vergessen wir es viel zu oft: Körper und Geist sind kein getrenntes Team – sie sind eine Einheit. Ein unschlagbares Duo, wenn sie zusammenarbeiten. Aber wehe, einer will nach links und der andere nach rechts. Dann wird’s holprig. Gerade bei Verletzungen ist das besonders sichtbar – oder besser gesagt: spürbar. Der Heilungsprozess findet nicht im Muskel oder Knochen allein statt. Er beginnt im Kopf. Wenn du dich mental gegen den Prozess sträubst – weil du wütend bist, dich selbst fertig machst oder permanent Angst vor Rückschlägen hast – sendest du Stresssignale an deinen Körper. Und was macht ein Körper unter Stress? Richtig: Er heilt langsamer. Cortisol hoch, Immunsystem runter, Rückschläge, Motivation im Keller. Toller Deal. Nehmen wir Lena, eine ambitionierte Fussballerin. Sie verletzt sich in einem Spiel am Sprunggelenk. Körperlich läuft die Reha gut – Lena pusht sich, weil sie so schnell wie möglich zurück will. Aber im Kopf macht sie sich dauernd Vorwürfe: "Ich hätte energischer in diesen Zweikampf gehen sollen!" "Was ist, wenn ich nie mehr an meine Leistung anknüpfen kann?" "Bei anderen mit der gleichen Verletzung ging es schneller vorwärts. Was kann ich sonst noch machen, damit ich schnell mein Comeback geben kann?" Ergebnis: Druck, Schlaflosigkeit, Verspannungen und Entzündungen, jede Trainingseinheit wird zur Qual. Erst als Lena sich öffnet und über ihre Ängste spricht, beginnt, verschiedene mentale Tools konsequent einzubauen und sich Pausen bewusst erlaubt, kommt auch der Körper wieder richtig in Fahrt. Michi ist ganz anders unterwegs. Er ist leidenschaftlicher Kletterer, hat einen Sehnenabriss in der Schulter Aber: Er sieht die Verletzung als Chance: mehr Zeit für seine Familie und Freunde, eine Reise zu seinen Verwandten und für einige Zeit verlegt er die Reha in die USA, sucht sich dort eine Physiotherapie und bucht einen Sprachkurs. Er macht seine Übungen, bleibt mental zuversichtlich und sagt sich: Die Verletzung setzt mich auf Null zurück. Das gibt mir die Möglichkeit, den Aufbau seriös zu machen. Er setzt sich in der Zeit in den USA stark mit dem "Warum mache ich das?" auseinander, setzt sich neue Ziele, auf die er danach konsequent und mit wahnsinnig viel Freude hinarbeitet. Körper und Kopf sind im Teammodus und Michi kommt stark zurück. Dein Körper ist kein Solokünstler. Gib deinem Kopf auch einen Platz in der Reha. Hör auf, dich zu vergleichen, zu kritisieren, fertigzumachen. Gönne dir mentale Pausen und denk daran: Dein Körper ist stark, er kann sich heilen. Aber dein Kopf ist der Coach und gibt die wichtigen Impulse dazu.
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AuthorRaphaela Bon ist Mentaltrainerin. Eines ihrer Spezialgebiete ist der mentale Support nach Verletzungen. Archives
November 2025
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