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Die Reha lässt sich in 4 Phasen einteilen. Jede bringt auf körperlicher, aber eben auch auf mentaler Ebene Herausforderungen mit sich. Wir konzentrieren uns hier auf die mentalen Challenges.
1. Akutphase (direkt nach der Verletzung/ Operation, einige Tage danach) Schmerzen, Unsicherheit über die Schwere der Verletzung, evtl. Schock/Trauma, Gefühlschaos Starke Emotionen, die zwischen Wut, Enttäuschung und Trauer schwanken können, müssen verarbeitet werden und das alles, während man sich eventuell mit starken Schmerzen herumschlagen muss und gar nicht klar denken kann. Die Unsicherheit über die Schwere der Verletzung und die daraus entstehenden Folgen lässt die Gedanken kreisen. In der ersten Phase geht es hauptsächlich um zwei Dinge: Ruhe in den Körper und Ruhe in den Kopf zu bringen. Emotionen sollen wahrgenommen, rausgelassen und eingeordnet werden. Du kannst lernen, die kreisenden Gedanken abzustellen und dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zudem stellst du dir dein bestes Team zusammen, damit du in den nächsten Wochen und Monaten bestens betreut bist und positiv in die Zukunft blicken kannst. Auch das gibt dir Ruhe. Du wirst in der ersten Zeit mit vielen guten Ratschlägen und Tipps überhäuft. Information ist gut, denn auch das gibt dir Ruhe, wenn du weisst, was dich erwartet. Zu viel ist jedoch zu viel des Guten. Deshalb wirst du lernen müssen, echte Information von einer Meinung zu unterscheiden und das für dich Wichtige rauszunehmen. Lasse deinem Körper in der Akutphase die nötige Ruhe, damit er sich auf Heilung konzentrieren kann. Durch Entspannungstechniken, aber auch durch die Aktivierung von Selbstheilungskräften kannst du deinen Körper unterstützen. Für sehr viele Athlet*innen ist die erste Phase eine verlorene Zeit. Sie haben das Gefühl, dass sie nichts tun können, und beginnen dann bereits mit Pseudo-Sport-Übungen. In der ersten Zeit ist es jedoch ganz wichtig, dass du dem Körper die nötige Ruhe lässt. Das heisst nicht, gar nichts tun. Für die nötige Aktivierung sorgt die Physiotherapie kurz nach einer Operation. Aber ganz sanft und mit keinem sportlichen Hintergedanken. Das kommt noch. Und wenn du das Gefühl hast, dass du eine Aufgabe brauchst, dann überlege dir bereits, wie du die freiwerdende Zeit in der Sportpause nutzen willst. Überlege dir Ersatzbeschäftigungen. 2. Rehabilitationsphase (sobald man mit regelmässiger Physiotherapie beginnt) Die Rehaphase dauert meistens relativ lange. Und das bringt auch bereits die grosse Herausforderung mit sich: Dranbleiben und den Umgang mit Motivationsproblemen. Zudem kommen Rückschläge dazu und damit verbunden die Unsicherheit, ob man wirklich alles richtig macht, ob es zu viel oder zu wenig ist. Vielen Athlet*innen macht es Mühe, aus ihrem gewohnten Rhythmus zu fallen und somit auch ein soziales Umfeld zu verlassen. Sie fühlen sich isoliert. Zudem macht ihnen vor allem in der ersten Zeit die Abhängigkeit von anderen Personen zu schaffen. Die Pflege eines sozialen Umfeldes sowie eine Ersatzbeschäftigung zu haben, ist extrem wichtig. Im Rehatraining sind Geduld und Disziplin gefragt und das kann, je länger es geht, Motivationsprobleme mit sich bringen. In ganz schlimmen Fällen spricht man auch von Reha-Burnout. Du gibst jeden Tag dein Bestes und manchmal ist das Beste von heute halt nicht ganz so gut wie das Beste von gestern. Die genaue Zieldefinition und das Schritt-für-Schritt-Vorwärtsgehen sind ganz wichtig. Das tönt so einfach, ist es aber nicht, denn diese Zeit ist auch geprägt durch Rückschritte. Keine Reha geht einfach nur geradeaus. Rückschläge gehören dazu – bei jedem und jeder. Je mehr du dir diesen Fakt bewusst machst, umso besser wirst du damit umgehen können, wenn es so weit ist. Mache dir jederzeit die Fortschritte sichtbar, damit du merkst, wie du Schrittchen für Schrittchen vorwärtskommst. In der Rehaphase ist es auch Zeit, deinen Verletzungshergang genau zu analysieren. Dies hilft dir, wenn es zurück in den Sport geht, denn wenn du weisst, warum etwas passiert ist, kannst du auch abschätzen, ob das wieder passiert oder ob du es abhaken kannst. 3. Sportphase (Wiedereinstieg ins Training) Vertrauen aufbauen, Grenzen verschieben, Vergleiche mit "vorher", Angst vor Wiederverletzung Dein Körper musste in den letzten Wochen neu kalibriert werden und nach und nach baust du das Vertrauen in deinen Körper wieder auf. Das braucht Zeit und doch kannst du es mental beeinflussen. Wenn das Vertrauen noch nicht vollständig da ist, ist der Wiedereinstieg in den Sport nicht ganz so einfach. Zudem steigt die tatsächliche Gefahr einer erneuten Verletzung tatsächlich. Nimm diese Angst vor Wiederverletzung ernst und gehe der Angst auf den Grund. Um vorwärtszukommen, müssen die Grenzen nach und nach verschoben werden. Das braucht Mut und Tat und stellt einen je nach dem vor Herausforderungen. Schwierig, wenn auch absolut verständlich, finde ich die Vergleiche mit "vor der Verletzung". Das kann einen völlig überhöhten Druck aufbauen. Du bist nach wie vor im Aufbau. Du wurdest auf Null zurückgesetzt und hast nach und nach aufgebaut. Sei also etwas geduldig mit dir selbst und "erziehe" auch dein Umfeld dazu. 4. Wettkampfphase (Rückkehr in den Leistungs-/Wettkampfsport) Innere und äussere Erwartungen Oftmals sind es die inneren Erwartungen, die mehr Druck auslösen als die äusseren. Alles soll perfekt sein und hohe Ansprüche an sich selbst führen oft zu Selbstkritik, wenn das Comeback nicht ideal verläuft. Versagensangst oder die Angst, dass man nicht an vergangenen Leistungen anknüpfen kann, hemmen einen. Eine Bestimmung des Motivationstyps und eine Definition des Antriebes können hier Klarheit schaffen. Nach einer langen Reha-Zeit kann die mentale Energie fehlen, um sich wieder voll auf Wettkämpfe zu fokussieren. Eine gute mentale Wettkampfvorbereitung ist deshalb wichtig. Fazit: In jeder Phase nach einer Verletzung stehen Athlet*innen vor unterschiedlichen mentalen Herausforderungen. Wer diese früh erkennt und gezielt angeht – idealerweise mit Unterstützung durch Mentaltrainer*innen oder Sportpsycholog*innen – kann den Heilungsprozess nicht nur beschleunigen, sondern auch den Weg zu einem stabilen, selbstbewussten Comeback ebnen.
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AuthorRaphaela Bon ist Mentaltrainerin. Eines ihrer Spezialgebiete ist der mentale Support nach Verletzungen. Archives
November 2025
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